And we're running down the backstreets - Oi! Oi! Oi!

41 Jahre Skinhead-Subkultur und 2 Jahre erfolgloses Planen eines Meetings in Leipzig

Für alle die immer nur den fettgedruckten Einleitungstext von Nachrichten und Texten lesen (ja, ich weiß,
dass ihr da draußen seid!), kommt hier auf die Schnelle die Kurzform: Das "Oi! - The Meeting 2010" (im
Folgenden OTM) in Leipzig fällt flach und aus. Genau wie das OTM 2009. Und voraussichtlich auch das OTM 2011.
Das war es schon. Man könnte sich jetzt also wieder angenehmen Sachen widmen (Bier trinken, Musik hören,
Haare schneiden, oder was man eben den ganzen Tag so tut). Könnte man. Man könnte diesen Text aber auch
weiter lesen und sich mit der Thematik auseinander setzen. Ich möchte jedoch vorwarnen: Das ist vielleicht
nicht schön oder gar anstrengend. You decide!





Wir, das sind die Skinheads Leipzig. Wir sind in erster Linie eine lockere Gruppe von Glatzen, dem engeren
Umfeld von Glatzen oder auch ehemalige Skinheads die sich der Szene und Musik nach wie vor verbunden fühlen.
Die meisten von uns bewegen sich bereits seit vielen Jahren in dieser Szene, obgleich wir natürlich nicht
seit 69 dabei sind. Man könnte unsere Generation bereits als die 2. oder 3. der Skinheads in Leipzig bezeichnen,
wobei unsere Vorgänger nach wie vor teilweise aktiv in unserer Gruppe sind oder zumindest ihren Senf immer
gern mit dazu geben. Unsere "Vorgänger" waren es auch, die bei den ersten Meetings im Norden dabei waren und
gerade bei dem ersten OTM im neuen Jahrtausend sehr aktiv mitwirkten und im Hintergrund auch Antrieb waren.

Ebenfalls seit vielen Jahren sind die Skinheads Leipzig sehr eng mit dem Conne Island verbunden, da der Laden
auch für uns Glatzen stets eine Plattform bot, unsere Subkultur auszuleben und Konzerte und Feiern zu
veranstalten. So stand es für uns nicht immer, aber letztendlich unterm Strich doch außer Frage, das Meeting
nicht irgendwo "hinzupflanzen" und auf einer Wiese zu veranstalten sondern in dem Laden, der für die Szene
eine wichtige Bedeutung hat. Das war in der Vergangenheit auch der Grund, warum ein OTM2002 und OTM2005
(und 2007) bereits hier stattfanden.

Wir verstehen uns - sicherlich jeder für sich zu seinem individuellen Grad - eher als klassische Skinheads
mit Werten, die abseits eines rechtsoffenen Gedankengutes zu finden sind und positionieren uns mit unserer
Arbeit im Conne Island (als eher linksorientiertes Projekt und Laden) eindeutig gegen Nazis und gegen
irgendwelche "innerszenischen Rechtsoffenströmungen". Wir positionieren uns mit unserer Arbeit bei Konzerten
in der Gegenwart und in der Vergangenheit auch gegen zweifelhafte Bands und haben uns in den vergangenen
Jahren bewusst gegen die eine oder andere Band entschieden. Kurzum, wir als nicht-politisch motivierte
Gruppe, haben durchaus klare Wertvorstellungen die sich an den traditionellen Meetings der frühen 90er
Jahre orientierten.

Ebenso erheben wir für uns den Anspruch, ein Festival organisieren und veranstalten zu wollen, das eben
dem Namen - "Oi! The Meeting" - gerecht wird und nicht ein Popfestival, ein Punkkonzert oder ein Wald- und
Wiesenkonzert. Doch diesem Anspruch gerecht zu werden, ist heutzutage nicht so einfach wie man sich das
vielleicht vorstellt.

Wir haben in den letzten Monaten immer wieder Diskussionen geführt, in denen es sich im Kern um immer
ähnliche Punkte drehte. Zum Beispiel: Welche Bands laden wir ein?

Wir veranstalten das OTM - ein Skinheadtreffen. Dass wir da keine Bands wie Broilers, Madball oder WIZO
einladen, verbietet schon unser Selbstverständnis. Aber wollen wir die ultimative Rumpel-Oi-Herde, die die
Kids in Scharen zieht, aber den Großteil der Szene kalt lässt? Was ist mit klassischen Acts wie
Cockney Rejetcs, die im Dezember gerade mal 250 Leute mobilisieren konnten? Was ist mit den
"Überreitern" Perkele, die bereits schon auf einem OTM gespielt haben? Warum nicht gleich Cock SParrer?

Nun, unsere Szene ist träge, faul und bequem geworden. Es gibt ein absolutes Überangebot an Konzerten.
Auf jedem Dorf findet jedes Wochenende ein Konzert statt und in den Szene-Städten oder überhaupt in jeder
größeren Stadt gibt es jede Band alle Nasen lang zu sehen.

Ganz zu schweigen von den unzähligen "Spirit of bla" und "Unity of bla" Festivals, die wie Unkraut aus
dem Boden schießen, auf irgendeinem Feldacker mit Zaun abgesteckt, mit einer schlechten PA-Anlage
ausgestattet, ein buntes Line-up zusammengewürfelt mit 5-6 Headlinern, einigen Pöbelproberaumbands um
möglichst viele Leute zu ziehen und um dem Veranstalter kräftig die Taschen zu füllen.

Hinzu kommt die Tatsache, dass speziell in dieser Region und im Großeinzugsgebiet Leipzig sehr viele
regionale Festivals miteinander konkurrieren und sich zwar teilweise durch größere oder breitere
Zielgruppen unterscheiden, jedoch auch für ein OTM eine ernsthafte Konkurrenz sind. Denn Festivals
wie z.B. das Endless Summer haben sehr wohl viele Bands im Line-Up, die wir auch gern auf einem OTM hätten.
Doch macht es Sinn ein Festival zu organisieren und dabei Bands aufzustellen die 8 Wochen später auf
dem nächsten Festivals um die Ecke wieder auf der Bühne stehen?

Der gemeine Skinhead ist bequem. Es ist heute nicht mehr in der gleichen unbequem Situation wie vor
10 Jahren. Heute gibt es Mypsace, Facebook, StudiVZ. Die ganze Szene - oder zumindest wer Wert darauf
legt - ist miteinander vernetzt. Man sieht sich mindestens einmal im Jahr - spätestens zum Punk & Disorderly
zu Cock SParrer - ansonsten auch gern häufiger bei einem der bereits angesprochen Kraut- und Rübenfestivals
bei denen "Oi!" auf dem Flyer steht. DAS Meeting, bei dem die ganze Szene einmal zusammen kommt, ist
schlichtweg unnötig geworden.

Was aber ist mit Ska- und Reggae-Legenden? Oder Klassikern wie den Rejects oder Business? Nun, von den
älteren Szeneanhängern werden diese leider nur noch bedingt als "Headliner" wahr genommen und von den
jüngeren Anhängern teilweise gar nicht mehr beachtet. Beim Konzert der Rejects im vergangenen Dezember
ist eine signifikant höhere Altersstruktur festzustellen gewesen, als beim inkognito beobachteten
Rumpel-Herden-Oi-Konzert anderenorts. Das legt die Vermutung nahe, dass der Nachwuchs der Szene seinen
musikalischen Schwerpunkt etwas anders setzt, als die vorangegangene Szenegeneration. Dazu kommt eine
ekelhafte Entwicklung vieler junger Menschen hin zu Liebhabern sogenannter Deutschrock-Herden, die sich
neuerdings immer größerer Beliebtheit erfreuen. Was für Skinheads unserer Generation Cock SParrer und
Angelic Upstarts waren, sind für viele heute Krawallbrüder und Freiwild. Doch diesem Trend möchten wir
auf keinen Fall folgen und erheben auch diesen Anspruch, dass wir qualitativ hochwertige Festivals sehen
und veranstalten wollen die auch ein "Oi!" vor dem Namen verdienen. Doch dem können wir nicht gerecht
werden, wenn wir einerseits Bands buchen wollen, die auch eine Gage erwarten und andererseits deren
Finanzierung durch einen angemessenen Preis und genügend Besucher sicher gestellt ist.

Wir sind keine Veranstalter, die ein Festival organisieren wollen, wo möglichst viele Leute angesprochen
werden und uns die Taschen mit horrenden Eintrittsgeldern gefüllt werden. Wir wollen ein Skinheadtreffen.

Wir wollen ein qualitativ hochwertiges Treffen mit einem Line-Up, welches den 40 Jahren Skinhead-Kult
gerecht wird. Wir wollen keine Rumpel-Herden auf der Bühne sehen, die gerade "Favorite of the Month"
sind oder im schlimmsten Fall gar nichts mit Oi! zu tun haben.

Und wir wollen ein Treffen, was wichtig für die Szene ist, auf dem sie zusammenkommen kann um sich
selbst und ihre Helden zu feiern.

Nach 2 Jahren andauernden Planungen und Überlegungen und dem Versuches ein Meeting auf die Beine zu
stellen, sind wir zu der Überzeugung gelangt, dass die Szene ein Oi! the Meeting derzeit nicht nötig hat.

Wir sind der Überzeugung, ein "Oi! the Meeting" wäre nur eines von vielen unzähligen Festivals an
welchen vielleicht ein besonderer Name dran hängt, aber ansonsten alles wie an einem gewöhnlichem
Wochenende ist.

Wir sind der Überzeugung ein OTM, wie wir es uns vorstellen - mit einer besonderen Atmosphäre eines
Meetings und dem Line-Up was einem OTM würdig ist - ist derzeit nicht durchführbar.

Wir sind der Überzeugung eine Kompromisslösung zwischen all diesen Punkten wäre möglich, verdient aber
den Namen "Oi! the Meeting" nicht mehr.

Von daher wird es bis auf weiteres kein Oi! the Meeting in Leipzig geben.


Feedback ist uns willkommen und soll per elektronischer Post an mail@oi-themeeting.de
gerichtet werden.

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